Heinrich Bachmann                                                                                               z.Zt. Frankfurt a.M.,

                                                                                                                           Händelstraße 2

In Ergänzung zum Fragebogen folgt hier eine ausführliche Darlegung meiner inneren und äußeren Entwicklung, der damit verbundenen Lebensumstände und meiner grundlegenden Einstellung zu allen wichtigen Fragen:

1.)     Ich stamme aus einer Handwerkerfamilie. Mein Vater war Friseurmeister, meine Mutter die Tochter seines früheren Lehrherrn. Ich bin aufgewachsen mitten zwischen drei Kasernen, kenne also die Entwicklung des deutschen Soldatentums in allen seinen Erscheinungsformen. Meine Eltern stammen beide aus dem bekannte Diaspora-Gebiet des Eichsfeldes, das zwischen den Diözesen Paderborn und Fulda liegt und sich als streng katholische Enklave auch in den Stürmen des Bismarckschen "Kulturkampfes" und in den Zersetzungszeiten des Dritten Reiches als zuverlässig und widerstandsfähig gegen jede Art von Auflösungstendenzen in seinem gesunden bäuerlichen und einfachen Denken und Leben behauptet hat. Erst die sozialen Krisen des Maschinenzeitalters haben mit anderen Eichsfeldern auch meine Vorfahren von ihrer angestammten Scholle vertrieben, wo sie als Bauern, Schäfer und Leineweber, zuletzt in bitterer Armut, leben mußten. Die Zähigkeit dieses Lebenswillens, die immer mit ungebrochener Geradheit des Denkens und mit echtem Gerechtigkeitsgefühl, zugleich verbunden mit großem Verständnis für soziale menschliche Nöte, ist auch mir angeboren und anerzogen.
Mein Vater, der sich den Besitz seines Hauses sozusagen groschenweise verdient hat, sah als höchstes Lebensziel, seine Kinder, namentlich mich, seinen einzigen Jungen, in eine "gehobenere Lebenssituation" zu bringen. Die Mittel dazu waren Fleiß, Sauberkeit im Denken und Handeln, eine echte Gottgläubigkeit und eine energische Welttüchtigkeit, die auch in den schwierigesten Situationen standhielt. Sein Versuch, als kleiner Mann mich durch das von den sogenannten "Besseren" Hanaus bevorrechtet besuchte Gymnasium in Hanau zu bringen, scheiterte, vielleicht nicht zuletzt an dem Mangel an Einsicht meinerseits. Die Tatsache, daß mein Vater als alter Landstürmer 1914 noch an die Front Polens mußte, hat meinem jungen Dasein die Entscheidung gegeben.
Ich ging damals ans Lehrerseminar eines kleinen hessen-nassauischen Städtchens und kämpfte mich die 6 Jahre durch alle Fährnisse und Schwierigkeiten der Welt-Kriegszeit, durch veraltete Erziehungs-Grundsätze und -methoden, durch die Hungerjahre eines Internatslebens und durch Spießigkeit und Kleinbürgertum eines mittelgroßen Gemeinwesens, bis ich 1918, blutjung, selbst Soldat wurde und bis zum kläglichen Kriegsende sogar noch an die Front mußte, um dann 1921 meine Lehrerausbildung mit dem entsprechenden Examen abzuschließen. Ich habe

/1    diese Zustände meiner kleinen Erzählung, "Die Rasselbande" (s. Anlage) zugrundegelegt, frei ausgestaltet. Sie ist der innere Bruch mit einem veralteten und in allem ans stur Militante erinnernden Erziehungssystem.

2.)    Damals in der Nachkriegszeit gab es in Deutschland 80 000 stellungslose Junglehrer, - ein geistiges Proletariat besonderer Art. Die meisten verkamen in anderen, darunter leigenden Berufen, viele verstädterten oder verbauerten vollkommen. Ich fing als "Hilfskraft" an am Finanzamt meiner Vaterstadt Hanau, hielt es aber dort nicht länger als ein halbes Jahr aus. Inzwischen war ich mit den Kräften in meinem Vaterland bekannt geworden, welche einem allgemeinen sittlichen, wirtschaftlichen, volkhaften und sozialen Niedergang des deutschen Bürgertums ihre Gegenkräfte entgegensetzten: Der deutschen Jugendbewegung. Meine erste Bekanntschaft mit dem Wandervogel (schon während der Seminarzeit) befriedigte mich aber nicht. Zuviel geistiger Indifferentismus machten die ungewöhnlich guten und idealen Ansätze, die von dort in einer natürlichen und freiheitlichen Lebensauffassung ihre Form gefunden hatten, vielfach wieder hinfällig. Mein positiv christlicher Glaube schien mir da die besseren Kräfte zu bergen, obwohl in den Menschen, welche den deutschen katholizismus um sich herum lebten und vertraten, das Eigentliche und Wesenhafte tiefreligiösen Denkens und christlicher Existenz völlig verschüttet schien. Ich suchte also - und mit mir mancher andere - nach einer Synthese von beidem. Und wir fanden sie in der katholischen Jugendbewegung, ich: im Quickborn. Sehr bald hatte ich in der jungen, aus den Zusammenbrüchen des Krieges und der Inflationszeit sich erhebenden Bewegung eine führende Rolle. Ich gab damals das vierte Burgbuch von Rothenfels heraus und nannte es "Der neue Anfang". Damals war ich von meiner Vaterstadt Hanau nach Osnabrück gegangen und hatte die Stellung eines Kreuzbundsekretärs.

/2    der Diözese übernommen (s. anliegendes Zeugnis), um die abstinenten Jugendgruppen von Flensburg bis Hannover aufzubauen, aus denen sich die spätere Jugendarbeit dieser Städte entwickeln konnte. Wir in Niedersachsen sahen mit den benachbarten Westfalen vor allem die Werktätigen-Frage als eines der brennendsten Probleme an. Der Quickborn war bis dahin die Jugendbewegung abstinenter höherer Schüler. Wir erweiterten seine Reihen und nahmen bewußt die Jungen aus dem "Kohlenpott", die Arbeitersöhne und -Lehrlinge aus den Industriestädten in unsere Reihen auf, gerade weil wir den zähen Aufbruchswillen dieser jungen Menschen sahen und das Gefühl hatten, wir hätten die moralische und soziale Verpflichtung, von unserem geistigen Überfluß an alle diese wirklich Darbenden und Notleidenden abzugeben. Das brachte mich in enge Zusammenarbeit zu Walter Dirks und seinem Kreis und legte in mir den Grund für echt demokratisches Denken.
Inzwischen war die Inflationsnot so groß geworden, daß ich mir 1924 eine neue Stelle als Lehrer an der Ordensschule der Dominikaner in Vechta/Oldenburg suchte, wo ich unter Billigung und Leitung des damaligen Rektors, des jetzigen Provinzials der deutschen Dominikaner, P. Laurentius M. S i e m e r O.P., meine radikalen Ideen zur Reform des Unterrichts, namentlich in Deutsch und Kunsterziehung, durchführen konnte. In diesen Jahren hatte ich mir auch einen Namen gemacht als einer der grundlegenden Gestalter des neuen Jugend- und Laienspiels. Ich schrieb damals die maßgebenden Aufsätze in dem von Wilhelm Karl Gerst herausgegebenen Sammelband "Gemeinschaftsbühne und Jugendbewegung" oder in den "Schildgenossen" bzw. im "Quickborn" und gab meine ersten neuartigen Spiele heraus: Das Märchenspiel "Hans fürcht' dich nit", das Tanz- und Reigenspiel "Media Vita", das Legendenspiel "Sankt Wendelin" und das Passionsspiel "Hora mea" (alle erschienen im früheren Bühnenvolksbund-Verlag).
Der Schulreformer Franz Josef Niemann las meine Schriften und ließ mich wissen, er wolle mich an sein Reformschulsystem nach Saarbrücken haben. Ich gab meine Tätigkeit an der Ordensschule auf und folgte seinem Rufe, hatte aber das Pech, daß Niemann damals dem Intriguenspiel seiner politischen Gegner eben zum Opfer gefallen war, als ich gerade ankam; und so verließen wir beide die Saar, - er, indem er ins Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht ging, - ich, nachdem ich mich kümmerlich mehrere Monate mit Stundengeben und Artikelschreiben durchgeschlagen hatte.
Damals kam ich zu meiner ersten Mitarbeit an Tageszeitungen. Daraus entwickelte sich der Entschluß, den aussichtslosen Lehrerberuf aufzugeben und mich auf "Redakteur" umzustellen. Ich fand Gelegenheit, gleich an der früheren Zentrumszeitung in Berlin, an der "Germania", zu volontieren. Mein Studium konnte ich nebenher entsprechend ergänzen. Namentlich der bekannte Zeitungswissenschaftler Prof. Dr. Emil Dovifat und der ebenso hervorgetretene Großstadt- und Sozialseelsorger Dr. Carl Sonnenschein, der Freund Erich Mühsams, lernten mich damals kennen und bauten mich, wo immer es anging, in eine vcertrauensvolle Zusammenarbeit ein. In Berlin traf ich auch Herrn Gerst als den Leiter des Bühnenvolksbundes und Herrn Schulrat Niemann als den Leiter der Auslandsabteilung des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht wieder und kam auch mit ihnen zu neuem Zusammenwirken.

/3    Von 1924 - 1937 war ich somit der Ressortleiter der Kultursparte in der "Germania". Anliegender Zeugnisauszug zeigt das Geschick dieser Zeitung, ihre Kämpfe um die Reinerhaltung einer klaren Linie und das Urteil des Chefredakteurs Dr. Walter Hagemann über meinen entscheidenden Anteil am positiven Ausgang dieser Kämpfe durch meine Tätigkeit. Die Verteilung und der Wechsel der Aktienpakete unter den Besitzern der "Germania" brachte ebenso wie die verschiedenen politischen Regierungskrisen mancherlei Spannungen, sodaß es wirklich nicht leicht war, einen eindeutigen Kurs und eine bestimmte Linie in die Art meiner Schriftleitung hineinzubringen.. Da der Hauptaktionär zuerst der spätere Reichskanzler Franz von Papen war, geriet meineprimär demokratische Haltung in manche heftige Auseinandersetzung, die zweimal dazu führte, mir die Verantwortung aus der Hand zu nehmen: Einmal, als 1927/1928 mir Dr. Paul Adams, ein rechtsgerichteter Katholik, vor die Nase gesetzt wurde, das andere Mal, als Herr Emil Ritter die Hauptschriftleitung der Zeitung übernahm und mir kurzerhand kündigkte. Nach kaum einem halben Jahr hatte dessen Richtung aber schon wieder abgewirtschaftet, und ich wurde von Dr. Hagemann im Auftrage des neuen, auf Papen folgenden Aktionärs auf meinen alten Posten zurückgeholt. Über die Art meiner Tätigkeit geben einige Beilagen, die ich meinen ersteingereichten Unterlagen beigefügt hatte, Aufschluß, so wie sie an jedem Sonntag unter einem geschlossenen Gesamtthema von mir herausgebracht wurden.

3.)    Inzwischen brach das "Dritte Reich" aus. Nachdem wir Redakteure von der Katholischen Presse jahrelang die heraufkommende Gefahr einer nationalsozialistischen Machtergreifung gesehen und auch (wie die entsprechenden Aufsätze aus der "Germania" vor 1933 beweisen mögen) bekämpft bzw. abzuwehren versucht haben, zwang uns das bald geschlossene Konkordat zu einer entsprechenden Loyalität. Wir waren uns des Kompromisses durchaus bewußt und blieben wach und auf der Hut, um einen echt positiven, christlichen Standpunkt der sich immer deutlicher demaskierenden nationalsozialistischen Weltanschauung entgegenzuhalten. Namentlich ich im Kulturteil! Mir lag in besonderer Weise ob, die religiösen und die geistigen Belange zu wahren, während die "politischen" Kollegen mehr oder weniger gezwungen blieben, schrittweise nachzugeben. Es kostete einen fast täglichen Kampf gegen die immer erneuten und ausdrücklichen Versuch des Propagandaministeriums, sich gegen unsere katholische Grundauffassung durchzusetzen. Wie wir erfuhren, saßen in den Vorzimmern von Goebbels eigens Zensoren, die unser Blatt vor allen andere täglich prüften und die ausrechneten, wieviel "Katholisches" (im Kulturteil) neben dem aufgezwungenen "Nationalsozialistischen" (im politischen Teil) in jede Nummer gebracht wurde. Es gab in jeder Woche mehrere Male Zitierungen, Rüffel, Auseinandersetzungen, Bedrohungen aller Art, zumal der Propagandaminister persönlich die "Germania" vor allen anderen Zeitungen las, um festzustellen, wie weit wir in diesem dunklen Papierkrieg langsam mürbe würden. Die Treue unserer, namentlich unter der Geistlichkeit und unter den geistig aufgeschlossenen Laien zu suchenden Abonnenten, viele Zuschriften und noch häufigere mündliche Zustimmungen bestärkten uns in diesem unerbittlichen Kampf, der seinen Höhepunkt in den Devisenprozeßberichten fand, wo wir als einzige Tageszeitung nicht in die Lügenpropaganda gegen die Klöster und Ordensanstalten einstimmten, obwohl damals schon unser Ende beschlossen wurde.
Von Jahr zu Jahr wurde mir deutlicher, daß es sich hier um einen aussichtslosen Versuch handelte. Der Absolutheitsanspruch nationalsozialistischen Denkens konnte und wollte auf die Dauer nichts neben sich dulden. So entschloß ich mich im August 1937 aus freien Stücken, meine Kulturschristleitung niederzulegen, obwohl ich derjenige war, welcher seinen Kurs am lautersten durchgehalten hatte und obwohl mich meine Familie mit den damals 5 Kindern bestimmt am meisten hätte bewegen können, noch weiter an meinem Posten festzuhalten. Mein Entschluß wirkte, namentlich auf die Kollegen, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich weiß, daß ich damit den ersten Stein aus der Mauer gelöst habe, war mir bewußt: Nur so kann diesem traurigen Katz- und Mausspiel zwischen nationalsozialistischer und katholischer Weltanschauung auf dem Rücken der "Germania" bzw. ihrer Leser ein Ende gemacht werden. Mein Zeugnis, das mir Kollege Hagemann, der Hauptschriftleiter, ausstellte, möge beweisen, wie positiv selbst unter diesem Eindruck meine Arbeit im Redaktionsverband beurteilt wurde.

4.)    Am meisten wunderte man sich, woher ich den Mut nahm, noch 1937, also im vierten Jahre nationalsozialistischer Machtergreifung, einen Schnitt zu tun, den sonst kein Schriftleiter katholischer Herkunft auf sich nahm, - nämlich den zurück in die Mitte katholischen Wirkens, indem ich die Schriftleitung der Zeitschrift "Kircher im Volk" (eines katholischen Familienmonatsblattes) und der Kirchenblattkorrespondenz "Kirche und Leben" übernahm, diebeide in der Zentralstelle der katholischen Aktion in Düsseldorf herauskamen. Ich war mir klar, daß die Zeit jeder Art von Tageszeitungen, die nicht eindeutig und einseitig nationalsozialistisch ausgerichtet waren, vorüber war, und hoffte, von der Zeitschrift und der Korrespondenz aus, auf die noch nicht infizierten Kirchenblätter den Einfluß zu gewinnen, welcher Katholischem Denken (und damit antinationalsozialistischem Denken) allein gerecht werden konnte. In meinem Dienstvertrag war ich durch den Pädagogischen Verlag, Düsseldorf, Reichsstraße 20, ausdrücklich verpflichtet: "An der Grundhaltung von "Kirche im Volk" und "Kirche und Leben", wie sie aus den vorliegenden Jahrgängen dieser periodischen Veröffentlichungen zu ersehen ist, darf nichts geändert werden. Jedoch sind beide Veröffentlichungen als bisher zu gestalten, wie es den Interessen des größten Teiles der Abnehmer beider Verlagsveröffentlichungen entspricht. Polemik soll in "Kirche im Volk" ganz unterbleiben; in "Kirche und Leben" soll sie nur insoweit gebracht werden, als sie zur Erfüllung der Belange der Sonntagpresse erforderlich ist." - Ich konnte erreichen, daß die Korrespondenz viel häufiger als vorher benutzt worden ist, und daß "Kirche im Volk" in kurzer Zeit von 20 000 auf 80 000 Bezieher stieg. Im Frühjahr 1938 wurde die Zentralstelle der katholischen Aktion und damit auch der ihr eingefügte pädagogische Verlag mit seinen beiden Organen "Kirche im Volk" und "Kirche und Leben" durch die Gestapo zwangsgeschlossen, die beiden Leiter ins Gefängnis gesetzt und wir anderen nach endlosen Vernehmungen brotlos gemacht.

5.)     Selbst meine Freunde meinten, nun müßte ich doch endgültig geheilt sein und irgendeinen kleinen Posten in der Nazi-Presse annehmen. Ich tat wiederum das Gegenteil. Am 1. September 1938 übernahm ich im Jugendhaus Düsseldorf die Hauptschriftleitung der bekannten illustrierten Monatszeitschrift katholischer deutscher jugend, der "Wacht", die in mehreren Hunerttausend verbreitet war. Auch diese Zeitschrift ging mit mir unter, als noch Ende 1938 die Gestapo auch das Jugendhaus in Düsseldorf schloß und uns alle ohne jede Entschädigung auf 

/4    die Straße setzte. Der Auszug aus meinem Zeugnis des Jugendhauses belegt meine dortige Tätigkeit. Im Sommer des nächsten Jahres (Juni) wurde uns unser 6. Kind geboren. Ich war damals immer noch stellungslos und betätigte mich innerhalb der Kölner Diözese, indem ich religiöse Vorträge hielt. Die Abschrift des Schreibens 1833/39 des Erzbischöfl. Generalvikars

/5    vom 23.5.1939 bestätigt und beurteilt das. (s. Anlage).
Ohne Rücksicht auf die gesamte Entwicklung war ich in den Jahren des Nazisystems in der Führung des Kreuzbundes, des Vereins abstinenter Katholiken, tätig und wurde sehr bald in den Bundesvorstand berufen. 1940 hielt man es für besser, mich daraus wieder abzuberufen, da ich sonst die Vereinigung hätte gefährden und stärkstens belasten können wegen meiner "grundsätzlichen Ablehnung des Nazismus", - so wie es mir in dem Schreiben der 

/6    Hoheneckzentrale vom 22. Januar ds.Js., wovon ich Abschrift beifüge, ausfühlicher durch den Direktor und Bundesgeschäftsführer Msgr. Heinrich Czeloth in aller Eindeutigkeit bestätigt wird.

6.)     Daß ich in dieser exponierten Tätigkeit lange unbehelligt blieb, ist neben einem ganz besonderen Schutz der Vorsehung Gottes sicher auch meinem ausgesprochenen Gefühl für Sachlichkeit und Objektivität zuzuschreiben. Zweimal war ich persönlich aufs Höchste bedroht:
Das erste Mal wurde ich am 16.1.1936 durch das Amtsgericht Berlin C 2 wegen "öffentlicher übler Nachrede in Tateinheit mit öffentlicher Beleidigung zu RM 200.-- Geldstrafe, ersatzweise zu 20 Tagen Gefängnis und zu den betreffenden Kosten des Verfahrens" verurteilt, weil ich in der "Germania" den berüchtigten Verfasser des Pamphletes "Zwei Jahre hinter Klostermauern", Dr. Erich Gottschling in Würzburg, durch den bekannten Dominikanerschriftsteller Dr. Scheeben in Köln öffentlich hatte angreifen lassen. Nur die Tatsache, daß ich in der Verhandlung die Unehrenhaftigkeit des Klägers nachweisen konnte, veranlaßte den Amtsrichter, meine Strafe verhältnismäßig niedrig anzusetzen und ließ mich auf der Schriftleiterliste.
Noch gefährlicher war für mich das zweite: eine Aktion im Sommer 1934, die sich gegen "Politiker der Systemzeit", gegen bekannte "katholische jugendführer" und gegen "katholische Männer des öffentlichen Lebens" wandte. Daß die Aktion, der ich mich damals durch mehrwöchentliche Verborgenheit entziehen konnte, nicht zustande kam, ist nicht zuletzt meinem persönlichen Vorsprechen beim H.H. Nuntius in der Berliner Rauchstraße zu verdanken, den ich von allem in Kenntnis setzte.

7.)    In einem der ersten Jahre nach der nationalsozialistischen Machtergreifung bat mich der bekannte jüdische Schriftsteller und Publizist Dr. Kurt Pinthus, mit dem ich in der Kommission des früheren Deutschlandsenders unter Dr. Flesch saß, welcher die im Rundfunk zu besprechenden Bücher durchprüfte und festsetzte, um ganz persönlichen Rat und Hilfe, da er nicht wußte, ob und wie er sich einer Verfolgung entziehen sollte. Ich riet ihm energisch zum Weggehen aus Deutschland und zur Mitnahme, vor allem seiner Bücherei. Er hat sich und diese damit retten können.
In der Bücherstunde des Deutschlandsenders hatte ich das Referat für Kriegsbücher. Ich habe es immer im kriegsverneinenden Sinne durchgeführt und war u.a. der Erste, der "Remarques", "Im Westen nichts Neues" (noch von den Druckbogen des Ullstein-Verlages her) besprach. Über Kriegsbücher hielt ich ebenfalls im "Friedensbund deutscher Katholiken" in Berlin, kurz vor dessen Auflösung, einen vielbeachteten Vortrag. - Meine Vortragstätigkeit inerhalb des katholischen Wirkbereiches setzte ich durch die ganzen Jahre, auch während des Krieges, selbst in Uniform, ununterbrochen fort. Selbst als Luftschutzpolizist wagte ich, 1943/44 noch in Müllheim a.Rh. und Köln Hunderte von katholischen Jugendlichen regelmäßig um mich zu versammeln, um ihnen gegen die nazistische Beeinflussung unserer Weltanschauung in den verschiedensten Fragen des jugendlichen Lebens darzulegen. In Köln und in Aachen hatte ich in einer Sakristei und in einem Privathaus je einen Lese- und Aussprechkreis aufgezogen, mit dem ich Dantes "Göttliche Komödie" durchnahm und auch von daher alle Lebensfragen des Menschen der Wahrheit gemäß und entgegen den sonst geübten Einstellungen darlegte. Vor den katholischen Männern Düsseldorfs und Kölns redete ich in den verschiedensten öffentlichen Räumen, z.B. mehrmals im großen Dom von Kaiserswerth, im Saal des Kolpinghauses in Köln, in den Kirchen von Köln-Brück, Köln-Mülheim, Aachen und anderswo. Es werden sich heute noch Tausende von begeisterten Zeugen unter Jung und Alt, unter Männern und Frauen für diese meine Tätigkeit finden lassen.
Ich begann in dem sozialen Kreis der Studenten, die Dr. Sonnenschein, der bekannte Großstadtseelsorger, um sich gesammelt hatte, war nach dessen Tod im Vorstand in der katholischen Volkshochschule in Berlin, führte längere Zeit die sonntäglichen Wanderungen in der Mark Brandenburg, die zur Aufgabe hatten, den in der Großstadt heimatlos gewordenen jungen Menschen die Umgebung Berlins geschichtlich und kirchengeschichtlich vertraut zu machen, baute die soziale Akademikerbücherei mit Sonnenschein auf und galt allgemein als dessen literarischer Vertrauensmann.
Im Bühnenvolksbund war ich nicht nur Autor, sondern auch Referent für alle Fragen der Jugendbewegung. Und als 1934/35 auch diese Organisation liquidiert wurde und die beiden geschäftsführenden Direktoren Rößler und Brünker von den Nazis kurzerhand eingesteckt werden sollten, deckte ich ihre Tätigkeit mit meinem Namen, übernahm an Stelle von Minister Boelitz das Präsidium bis zur völligen Auflösung und half so den beiden Herren zu ihrer Ehre und zu ihrer Emigration nach der Schweiz bzw. Costa Rica.
Ebenso gehörte ich dem Dreier-Gremium, der "Notgemeinschaft für das deutsche Schrifttum" schon aus der Zeit der Weimarer Republik als einziger Katholik an und sorgte für die durch die Not der Zeit betroffenen Schriftstellerkollegen solange und soweit das überhaupt möglich war, bis ich dann 1937 Berlin aus freien Stücken verliß, um nach Düsseldorf zu gehen.
Als ich dann als Kriegsberichter der O.Pol. ins Elsaß kam, nahm ich die Verbindung zur katholischen studentischen Jugend in Straßburg über den dortigen Generalvikar und zur illegalen elsäßischen Jugend über Kaplan Bliekast-Mülhausen auf. - Schließlich hatte ich auch in Laibach und Slowenien enge Beziehungen zur katholischen Geistlichkeit und Jugend, angefangen von dem dortigen Bischof bis zu den Religionslehrern und führenden Laien. - Und als ich im Juni 1945 aus der Gefangenschaft entlassen wurde, nahm ich in Schwäbisch Gmünd unverzüglich meine Vortragstätigkeit wieder auf, sammelte um mich die dortige Jugend, sprach aber auch vor der Männerwelt, vor den Frauen und den Kindern dieser Stadt und einer Reihe von Gemeinden der Umgebung, um in ihnen eine neue, den Aufgaben der unmittelbaren Gegenwart zugetanen Haltung zu erwecken.
Ich bin des öfteren gefragt worden, warum ich bei meinem Bildungsgang nicht Offizier geworden sei; namentlich meine Polizeivorgesetzten interessierten sich immer wieder für diese Frage. Ich erteilte immer die gleiche Antwort: das müßten sie nicht mich, sondern ihresgleichen fragen fragen; ich sei überzeugter Katholik, und die Entscheidung, wohin ich weltanschaulich gehöre, sei ja damit schon gefällt.

8.)     Das alles lief neben meiner täglichen beruflichen bzw. soldatischen Tätigkeit. Seit August 1939 ward ich nach dem zweimaligen Verbot der Gestapo in Düsseldorf vom Verlag Herder in Freiburg als Verlagsschriftleiter angestellt. Angesichts der Tatsache der ständigen Papierverknappung schuf ich (immer in der Tendenz einer positiven, antifaschistischen Wirksamkeit) verschiedene Kleinschriftreihen, eine für "Ehe und Familie", eine für die Soldaten (sie wurde von Hitler persönlich untersagt) und eine für die katholischen Frauen. Verschiedene dieser Schriften entstammten meiner eigenen Frau. Als man in der Reichsschrifttumskammer merkte, welchen Erfolg die Auflagen hatten (100 000 e), untersagte man auch sie. Als langjähriger Leiter der Propagandaabteilung des Verlages fand ich immer neue Mittel und Wege, dem wirklich positiv christlichen Buch auch unter den obliegenden Schwierigkeiten zu einer Verbreitung im In- und Ausland zu verhelfen. Ich glaube, daß ich damit, namentlich in der Schweiz, vieles tun konnte zur Ehrenrettung der Katholiken Deutschlands. Meine Tätigkeit beim Verlag Herder findet ihren Niederschlag in der beigefügten

/7    Zeugnisabschrift.

9.)     Im Verlag Herder blieb ich bis zu meiner Einziehung zur Luftschutzpolizei nach Köln im Mai 1943. Auch in dieser Einberufung muß man eine besondere Härte des Dritten Reiches feststellen. Das Dutzend Männer, das mit mir damals in ganz unerwarteter und ungewöhnlicher Weise von der Wehrmacht zur Polizei freigegeben und von Freiburg nach Köln zum I-Dienst verschickt wurde, war ich sofort von der Tatsache bewußt, einer heimlichen Strafmaßnahme des Feiburger Polizeimajors zum Opfer gefallen zu sein. Wir alle waren "belastet", ohne direkt "straffällig" zu sein. Wir kamen in die schwersten Angriffe nach Köln und mußten unter schwerster Lebensgefahr in diesen dort ununterbrochen Schutt und Trümmer räumen und Leichen bergen. Ich sehe in dieser Maßnahme eine bewußte Herabsetzung meiner Berufs- und Mannesehre, habe aber diesen Dienst, der in mancherlei Hinsicht der Beschäftigung in einer Strafkompanie nicht nachstand, auf mich genommen, weil ich dadurch Gelegenheit hatte, unter den einfachsten Menschen unseres Volkes zu leben und zu arbeiten, deren herzliche Kameradschaft zu erwerben, ihre wirklichen Auffassungen kennenzulernen und die ich heute noch bei jedem Wiedersehen erlebe. Besonders wertvoll war mir, in dieser schweren aber immerhin unblutigen Tätigkeit, praktische Werke der Nächstenliebe und christlicher Barmherzigkeit ausüben zu können.
Als man entdeckte, daß ich von Hause aus Schriftleiter war, holte man mich in einen Kursus für Polizei-Wortberichter in die Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei nach Spandau, im Juni 1944. Als solcher wurde ich dann zu den Polizeitruppen ins Elsaß kommandiert. Die 19 Berichte, die ich nach Berlin sandte, wurden alle als zum Abdruck ungeeignet befunden, weil darin zuviel von "Rückzug" und "Verlusten" (wahrheitsgemäß) die Rede war. Die Polizeikriegsberichter wurden, da ja die gesamte Polizei Himmler unterstand, der SS-Standarte Kurt Eggers angegliedert. Ich habe aber direkt mit diesen Leuten nie etwas zu tun gehabt, es sei denn, daß wir Polizeikriegsberichter in Laibach dem Kommando "Adria" in Triest zugeordnet waren.
Im Januar 1945 mußte ich mich in Berlin zur Verantwortung stellen und wurde verdächtigt, "geradezu dagegen" zu schreiben. Danach wurde ich nach Slowenien geschickt und dort einem Kampfpropagandazug in Laibach unterstellt. Ich nahm an verschiedenen Aktionen auch der dortigen Polizeiformationen im Südalpengebiet teil, verfaßte darüber Berichte, indem ich die Strapazen und das stille und tapfere Soldatentum meiner Kameraden in den Anstrengungen des Gebirgskrieges zum Objekt meiner Darstellungen machte. Auch von diesen Berichten ist keiner für würdig befunden worden, in den reichsdeutschen Zeitungen zu erscheinen. Dagegen konnte ich in Laibach auf meinem eigentlichen Gebiet, dem der Kultur, mancherlei, zunächst privat, dann sogar offiziell tun, indem ich mit Vorträgen und Aufsätzen, in Berichten und Vorschlägen die Verständigung zwischen den Völkern auf geistigem Gebiet förderte.
Meine eindeutige ketholische Haltung war bis in das Kommando Adria in Triest bekannt, weshalb ich auch von dorther den ungewöhnlichen Auftrag bekam, die Verbindung mit dem Bischof von Laibach, Excellenz Rozmann, aufzunehmen, und auch zum dortigen Theater- und Opernhaus gute Beziehungen zu halten. So versuchte ich innerhalb dr geringen Möglichkeiten, die einem als Soldat (ich war einfacher Polizei-Rottwachtmeister) bestanden, das zu tun, was ich vor meinem Gewissen verantworten konnte. Zuletzt war ich tätig beim Soldatensender Süd-Ost und bin als Angehöriger der Heeresgruppe E am 12.6.1945 aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen worden.

10.) Noch ein besonderes Wort über mein Verhältnis und meine Tätigkeit innerhalb der katholischen Jugendbewegung.
1937 übernahm ich die Führung des Quickborn, der im August 1939 als Bund aufgelöst und verboten worden ist. Ich selbst wurde auch dieserhalb von der Gestapo Düsseldorf zitiert mit anschließender Haussuchung. Die Gruppen des Bundes existierten an den einzelnen Orten ungebrochen weiter, wenn auch nur im Geheimen. Immer wieder einmal wurde von der Staatspolizei der Versuch gemacht, damit aufzuräumen. Die meisten standen auf dem konsequenten Standpunkt, daß man zwar den Quickborn als Bund verbieten könne, aber nichts uns daran hindern könne, daß jeder echte Junge und jedes echte Mädchen als Einzelne "Quickborner" blieben. Wir kannten uns untereinander und hielten uns und der Sache die ungebrochene Treue, wohlwissend, daß eines Tages unsere Stunde wieder da war. Die Mitglieder des Quickborn standen in der Pfarrjugendarbeit überall an der Spitze und gehören zum Rückgrat der katholischen, antifaschistischen Bewegung.
Darum war mein erstes Anliegen, als ich aus der Gefangenschaft entlassen war, durch einen 

/8    Aufruf (s. Anlage) die Existenz des Bundes neu zu konstatieren. In dem Manifest "Neue Wege - neue Grundlagen" ist diese Existenz und die für die Zukunft geltende Zielrichtung dieser Gemeinschaft grundgelegt. Es bleibt abzuwarten, wie weit die neuen Verhältnisse in Deutschland, sowohl im zukünftigen Staat wie auch in der Kirche, dieser Existenz rechnung tragen. Es ist selbstverständlich, du im Programm des "Quickborn" tief verwurzelt, daß er jetzt erst zur wirklichen und wesenhaften Entfaltung seiner Art kommen kann, wo die Aufgabe an dem Aufbau einer echten Demokratie und an der Gesundung unseres Volkes so brennend geworden sind. Wie ich, so haben die meisten nach Tausenden zählenden Mitglieder sich völlig freigehalten von jeder parteimäßigen Bindung, haben aber alles, was unter nationalsozialistischen Vorzeichen falsch uns wesensfremd gelöst worden ist, radikal und gründlich in sich und um sich in den Gemeinschaften von Kirche und Volk zu erneuern und aufzubauen versucht. Viele unserer Besten sind dafür in die Gefängnisse und in die K.Z. gewandert, manche haben ihr Leben geopfert.

11.) Zu den besten Deutschen der Vergangenheit, welche auch das kommende Deutschland grundlegen können, gehört unstreitig der Österreicher Adalbert Stifter. Darum hat ihn die neue Jugend, namentlich die katholische, besonders liebgewonnen und sieht, sowohl in seinem Erziehungsroman "Der Nachsommer" wie in seinem geschichtlichen Roman "Witiko" das Bild des Deutschen, der jenseits aller preußischen Ideologien im geistlichen und im human-christlichen Denken seine Erfüllung sucht. Als darum einmir bis dahin unbekannter Verlag "Volk und Reich" ein Preisausschreiben zur Erlangung des 1. Adalber-Stifter-Preises ausschrieb, beteiligte ich mich mit einer biographischen Novelle über Stifter, die ich "Der Hauslehrer" nannte. Unter ca 250 Bewerbern erhielt ich den 1. Preis und bekam dafür
RM 1 200.--. Die Erzählung erschien 1943 in dem Adalbert-Stifter-Preis-Buch 1942, das unter dem Titel "Begegnung und Heimkehr" erschienen ist. Später wurde dann noch eine 

/9    Feldpostausgabe veranstaltet, die ich der Anlage beifüge. Aus begreiflichen Gründen hat man das Geleitwort, in welchem ich Stifter selbst zu Wort kommen ließ, als Motto des Ganzen, weggelassen. Stifter schrieb es 1837 einem Medizinstudenten ins Stammbuch. Es lautet:

"Ich weiß nur das Eine, daß alle Menschen, daß ich alle Menschen, die eine Welle dieses Meeres an mein Herz trägt, für dieses kurze Dasein lieben und schonen will, so sehr es nur ein Mensch vermag. Ich muß es tun, daß nur etwas, etwas von dem Ungeheuren geschehe, wozu mich dieses Herz treibt. Ich werde oft getäuscht sein, aber ich werde wieder Liebe geben, auch wenn ich nicht Liebe glaube. - Nicht aus Schwäche werde ich es tun, sondern aus Pflicht. Haß und Zank hegen oder erwidern, ist Schwäche, - sie übersehen und mit Liebe zurückzahlen ist Stärke."

       Wenn man trotz dieses Mottos, dessen Grundhaltung selbstverständlich auch in der Novelle wiederkehrt, mir den Preis zuerkannt hat, so wahrscheinlich deshalb, weil man sich dem Eindruck nicht entziehen konnte, daß meine Novelle Adalbert Stifter richtig zeichnet, auch wenn von anderer, nationalsozialistischer Seite aus, eine andere Stifter-Deutung versucht worden ist. Es ist übrigens bei dieser Anerkennung geblieben, und ich habe mich begnügt, meine weiteren schriftstellerischen Arbeiten für die Nachkriegszeit aufzuheben. Jetzt können und werden sie (im Mathias-Grünewald-Verlag, Mainz) erscheinen können: Außer dem "Hauslehrer" eine Novelle über Eleonora Duse "Die innerste Maske"; weiter eine Nietzsche-Novelle "Die Kreatur", eine Franz Lenbach-Novelle "Nana" und eine Beethoven-Novelle "Die ferne Geliebte" (Alle drei will zunächst der Schrag-Verlag in Würzburg-Rothenburg herausbringen). Dann schrieb ich aus meinem Erlebnis als Luftschutzmann die Aachener Sonette, die unter dem Titel "Die dräuende Gewalt" im Mathias-Grünewald-Verlag, Mainz herauskommen sollen, - Gedichte, in denen die Damonie des Krieges und aller seiner Folgeerscheinungen gestaltet sind; dort sollen auch noch zwei andere Gedichtbändchen von mir herauskommen; vor allem aber ein großer Roman, den ich seit drei Jahren vorbereite und "Die Geworfenen" nenne, als Niederschlag meiner Kriegserlebnisse.

12.) Meine Hauptaufgaben für die Nachkriegszeit sehe ich jedoch in einer neuen verlegerischen 

/10  Tätigkeit. (s. anliegende Denkschrift über den Plan des neuen "Neun-Musen-Verlages").
Als darum im September vg. Js. Der Generaldirektor Wilhelm Karl Gerst, Schriftleiter der neuen "Frankfurter Rundschau" mich auf die Möglichkeit aufmerksam machte, in Frankfurt einen Schul- und Bildungsverlag, etwa an Stelle des in Liquidation befindlichen Dieserweg-Verlages, entschloß ich mich zur Übersiedlung und zur Inangriffnahme dieses wichtigen Planes. - Die von mir (Anlage 10) eingereichte Denkschrift über den "Neun-Musen-Verlag" für Bildungs- und Erziehungsarbeit in Schule und Haus, Jugend und Volk, gab ich auch dem zuständigen amerikanischen Dezernanten für Schulbücher, Herr Professor A.E. Zucker, zur Kenntnis. Er war sichtlich angetan von der planvollen und systematischen Aufbauidee, wie das 

/11 aus einem seiner in der Abschrift beigefügten Schreiben vom 15.1.46 hervorgeht. - Es genügt mir nicht, meiner eindeutig antifaschistischen Einstellung dabei zu folgen, die mir noch in meiner Abwesenheit im Gefangenenlager von meinen Freiburger Bekannten und Freunden dadurch bestätigt werden konnte, daß sie mich in eine Liste der führenden Freiburger Antifaschisten an die Spitze setzten. Ich möchte über die rein antifaschistische Tendenz hinaus eine Gesundung der geistigen Wurzeln des deutschen Volkes, vor allem der deutschen Jugend, erzielen und eine Erneuerung ihrer Haltung zu allen Fragen des Lebens. Meine Eigen-Entwicklung, meine Erfahrungen im Lehrer- und im Schriftleiter-Beruf, meine ungewöhnlichen Erlebnisse in den Auseinandersetzungen der Jugendbewegung und während meiner Soldaten- und Frontzeit unter den einfachen Männern haben mich davon überzeugt, daß nur durch die Erfassung des breiten Volkes und seine Umbildung und Umschichtung im Denken und in der Haltung neue Voraussetzungen für den Aufbau eines echten demokratischen Staates garantieren kann. Diesem Zweck unterstelle ich meinen Verlag. Ich werde in Zusammenarbeit mit den maßgebenden Ministern, von denen die meisten diesen meinen Standpunkt teilen, der raschen und gründlichen Erstellung des Schul-Buch- und Lehrmittelgutes meine Kräfte und Mittel leihen, um den geistigen Hunger des Volkes und der jungen Generation in allen Bildungsstätten zu Diensten sein. Die vier Monate, die seit Einreichung meines Lizenzantrages bei der Militärregierung nun schon verflossen sind, lassen mich meine Bitte erneut und besonders dringlich wiederholen. Wenn damit gleichzeitig, wie es von den zuständigen amerikanischen Miliärregierungs-Vertretern ausgesprochen worden ist, die Aufgabe der Liquidation des ehemaligen Diesterweg-Verlages verbunden sein wird, so soll auch das Ganze in dieser meiner Absicht geschehen. Darum ersuche und bitte ich um erhöhte Beschleunigung in der Bearbeitung meiner Anträge und um Erteilung der Lizenz.

                                                                                              Frankfurt a.M., den 10. Februar 1946

                                                                                                           (Heinrich Bachmann)