Textbeispiel

Trinkkultur

Neulich kaufte auf einem sommerlichen Weinfest  ein junger Mann eine Flasche Spätburgunder. Er setzte sie an den Mund und trank. Das erwies sich als eine Todsünde. Denn der Mann wurde auf der Stelle von den Einheimischen mit der Todesstrafe belegt: Mit Verachtung.

Was hatte der Arme bloß falsch gemacht? Das Geld stimmte, die Sorte stimmte, die Stimmung stimmte. Aber der Ritus - der fehlte. Die Zeremonie, die zum Weintrinken gehört. Das haben die Jakobiner nicht ändern können und nicht Herr Marx  Das Weintrinken unterliegt den Gesetzen des Feudalismus. Zumindest in unseren Breiten.

Das wissen Herr Müller und Frau Müller ganz genau. Sie setzen sich am Abend hin, entkorken ein Fläschchen, schenken ein, heben die Gläser, schauen sich in die Augen und stoßen an. Und dann sagen sie es, das große Wort. Prost, sagen sie. Wie einfach ist das doch!

Schwieriger wird es, wenn Müllers Gäste haben. Das Duo wird dann zum Quartett. Alle Figuren sind klar, es kann beginnen: Fläschchen entkorken, einschenken, Gläser heben, zuprosten, wollte ich sagen. Aber gerade hier hapert es meist, das Ganze gerät aus der Reihe, wer hat das nicht schon erlebt: Frau Müller schaut Herrn Müller an, Herr Müller aber prostet gerade Fräulein Bergmann zu, während Fräulein Bergmann ihrerseits das Glas Herrn Lechner entgegenhält, der seinerseits versucht, die Augen von Frau Müller auf sich zu lenken, die doch immer noch dem Hinterkopf ihres Gatten zuprostet.

Und doch sind das erst die unteren Gefilde der Trinkkultur. Richtig schwierig wird es weiter oben. Da kommt man schon ohne Latein nicht mehr aus. Prosit sagen da die Leute, es möge nützen. Nicht mehr unser verschlissenes Prost. Und in die allerobersten Regionen, in die Bruderschaften der Weinkoster, wird man überhaupt erst aufgenommen, wenn man eine Rede in klassischem Latein gehalten hat. Aus dem Stegreif, versteht sich.

Unsere Kinder, diese so praktischen, sachbezogenen, unsere Kinder werden einmal Bier trinken. Bestimmt. Hoch das Glas und Zzzzzzzisch! Aber werden sie älter und kriegen sie ein Gefühl für die feinen Nuancen unserer Kultur, dann kommen auch sie am Wein nicht vorbei. Und auch ihnen wird es kaum gelingen, mit der Zeremonie des Weintrinkens zu brechen.

Oh, ich sehe sie schon, wie sie sich abmühen werden mit den schwierigeren Passagen: Charly schaut Bibo an, Bibo aber prostet gerade Jim zu, während Jim seinerseits das Glas Silke entgegenhält, die ihrerseits versucht, die Augen von Charly auf sich zu lenken, der doch immer noch dem Hinterkopf von Bibo zuprostet.

Ja, so wird es sein. Das Feudale in uns ist zu mächtig. Prost. -